Rüdiger Wilde – der „Forum am Sternplatz“-Architekt im Interview

Ende der 1980er-Jahre kaufte der Berliner Unternehmer Erich Wächter das marode Knödler-Zentrum am Lüdenscheider Sternplatz. Die Architekten, die das Freizeit-Center zum „Forum am Sternplatz“ umgestalteten, waren Rüdiger Wilde und Hans-Jürgen Altenheiner. Im Gespräch mit „CCL Aktuell“-Adim Fabian Paffendorf erinnert sich Rüdiger Wilde daran, wie er und sein Büropartner damals an den Auftrag kamen und welche Besonderheiten das Projekt auszeichneten.

Herr Wilde, wie sind Sie damals eigentlich an den Auftrag gekommen, den Umbau des Knödler-Zentrums zum Forum am Sternplatz als Architekt zu betreuen?

Das war eine ganz spannende Geschichte. Erich Wächter hatte das Knödler-Zentrum ersteigert und war zusammen mit Reinhard Onnasch nach Lüdenscheid gekommen. Onnasch war damalig schon als Deutschlands größter Galerist und Kunstsammler bekannt. Er war so zu sagen der Mann im Hintergrund, der Geld-Pate hinter dem Projekt „Forum am Sternplatz“. Die suchten nach Architekten dafür und hatten sich vor Ort schon umgeschaut. Hans-Jürgen Altenheiner und ich waren junge Architekten und hatten erst drei Jahre zuvor unser gemeinsames Büro in der Oberstadt eröffnet. Das war in der Wilhelmstraße 49, gegenüber des alten DEKA-Kaufhauses, über dem Ladenlokal wo zuletzt noch der Optiker Raith seinen Laden hatte. Da, wo wir uns eingerichtet hatten, war zuvor die Privatwohnung des Lüdenscheider Kult-Wirts York „People“ Romberg. Wir waren jung – und eben auch noch unbedarft: Und ganz überraschend kamen Erich Wächter und Reinhard Onnasch und dessen Sohn mit einer ganzen Truppe hoch zu uns. Da standen nun acht Leute. Aber wir hatten nicht den Platz oder gar einen großen Konferenzraum für so viele Besucher. Was haben wir also gemacht? Wir haben die Besprechung einfach ins Treppenhaus verlegt. Das lief ganz locker. Die waren total entspannt und haben halt auf den Treppenstufen Platz genommen. Wir standen vor denen und dann haben sie uns halt von dem Objekt erzählt, das sie gekauft hatten, ihre Pläne dafür erläutert. Das war schon eine echt lustige Situation.

Das Auftrag wurde also im Treppenhaus vergeben?

Ja. Aus der Situation heraus ist dann sogar eine Art von Ritual geworden: Immer wenn die kamen, um über das Projekt zu sprechen, sind alle wieder ins Treppenhaus. Wir haben zu den Meetings „Dicke Sauerländer“-Bockwurst gereicht. Die Berliner waren ganz verrückt danach. Sie wollten nicht wissen, was wir vorher so an Arbeiten gemacht hatten, die waren tatsächlich auf der Suche nach jungen, frischen Leuten mit lokaler Kompetenz. Wächter und Onnasch Junior waren nicht so viel älter als Altenheiner und ich, da stimmte die Chemie von Anfang an. Das passte. So haben wir den Auftrag bekommen. Wir haben dann die Pläne gesichtet und aufgearbeitet. Und von der Idee her, so wie ich das sehe, passte das schon ganz gut.

Die Idee war, das ganze Knödler-Zentrum heller und bunter zu gestalten?

Der künstlerische Ansatz gefiel und lag mir. Ich hatte auch ein Leben vor der Architektur, in dem ich Kunst studiert hatte. Das Architekturstudium hatte ich erst mit 29 begonnen. Das Knödler-Zentrum war dunkelbraun gestrichen im Innern. Das zu überarbeiten und da durch neue Farben charakteristische Akzente für ein Center neu zu setzen, reizte mich als jemand, der ja aus dem künstlerischen Bereich kam. Zuvor war es da im Gebäude wirklich schrecklich. Ganz schlimm war das. Überall diese dunklen und tief abgehangenen Decken.

Das Knödler-Zentrum war in den späten 80ern bereits in einem erbarmungswürdigen Zustand.

Wie sehr, dass ist uns bewusst geworden, als wir zusammen durchgegangen sind, geschaut haben, was da überhaupt los war. In der Kegelbahn und den anderen Räumen des Centers, die nicht mehr in Betrieb und unbeheizt gewesen waren, ist der Wasserdampf aus dem Wellenbad eingezogen. Das hatte sich massiv niedergeschlagen. Die Deckenplatten waren verfault und runter gefallen, die Kegelbahnen klitschnass, das Holz aufgequollen. Das war alles schon verrottet. Das war wirklich schlimm. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange die Kegelbahnen zu dem Zeitpunkt schon außer Betrieb waren.

Welche Schäden gab es noch zu verzeichnen?

Oben im Center gab es noch die Diskothek mit einer Volleinrichtung. Die war ursprünglich so belassen worden, wie am Tag der Schließung. Einrichtung, Technik, funktionierende Zapfanlage, die Flaschen hinter der Theke – alles war soweit okay. Aber in dem Objekt trieben sich damals viele zwielichtige Gestalten rum, Penner nutzen das Center zum Übernachten. Das wurde nachher zu einem sehr großen Problem für uns. Was da teilweise für Gestalten rumliefen, war schon bedrohlich. Ich erinnere mich daran, dass der Frauenarzt Dr. Schäfer noch seine Praxis im Haus hatte. Der sah sich unglaublichen Zuständen ausgesetzt. Es gab da Trinker und anderes Pack, das ihm sogar Kot durch den Briefschlitz in die Praxis gedrückt hat. Der war dafür gedacht, dass da Patientinnen ihre Rezepte einwerfen. Das war so kaum mehr möglich, die Praxis weiter zu betreiben. Was da so an Volk in dem Zentrum verkehrte, war auch der Grund dafür, dass wir versuchten, die Diskothek zu schützen. Da wurde Nato-Stacheldraht von außen über die Tür bis hoch zur Decke gezogen, um die Disko vor Einbruch zu schützen. Ich selbst hatte mich mit einem Paralyzer ausgerüstet, weil man nicht wusste, was für Figuren sich da so breit machten.

Und vor denen musste die Diskothek im Center geschützt werden?

Die sind eines nachts wirklich durch den Stacheldraht gekommen, haben die Tür der Diskothek aufgebrochen und da haben sich dann zwischen 25 und 30 Leuten breitgemacht und haben sich da breit gemacht. Der Laden war ja beheizt, alles noch so intakt, wie bei der Schließung bis dahin. Und da haben die dann die Zapfanlagen, Kaffeevollautomaten und das ganze Zeug, was noch voll okay war, zerschlagen und zerprügelt. Die Flaschen, die da noch an der Theke waren, haben die auch leer gemacht – haben es sich gut gehen lassen. Als ich kam, saßen die da drinnen, nur in Unterhosen oder sonst in leichter Kleidung. Von denen hat keiner mal die Anstalten gemacht aufzustehen oder die Räume zu verlassen. Da habe ich die Polizei gerufen. Polizei kam auch, die Beamten stellten den Sachverhalt fest. Und die Penner behaupteten, sie wären nicht eingebrochen und die Tür sei offen gewesen. Im übrigen hatten sie ihre Sachen gewaschen, sagten sie. Ich sagte der Polizei dann, sie sollten nun endlich die Leute da rausholen. Und die meinten zu mir, das wäre nicht möglich, da die Sachen erst trocknen müssten.

Unglaublich!

Mir ist da fast der Kiefer runtergefallen. Da sagte ich zu den Polizisten, sie sollten doch wenigstens so nett sein, die Personalien der Leute aufzunehmen, damit ich die dem Bauherrn weitergeben könnte. Denn der Schaden der da entstanden war, das waren soweit ich noch weiß rund 700.000 D-Mark. Das war richtig tragisch. Nein, die Beamten wollen aber aus Datenschutzgründen die Personalien nicht weitergeben. Der Bauherr hat sich darüber sehr gefreut, dass die Diskothek kaputt war und er auf dem Schaden sitzen blieb. Das war eine sehr spannende Situation.

Es gab vorher noch die Idee, die Diskothek nach dem Umbau wieder zu verpachten?

Ja, klar. Da gab’s Überlegungen, was man da in den oberen Teilen des Gebäudes machen könnte. Und die Disko ist ja auch vorher immer gut gelaufen. Das hatte sich dann aber erledigt. Es gab auch ganz zu Anfang auch noch die Idee, die Kegelbahn wieder zu reaktivieren, aber das ging gar nicht mehr. Die Bahnen waren auf. Da hatten wir echt Glück, dass wir jemanden gefunden haben, der die noch kaufte. So ergab sich die Situation, dass oben ins Center dann die Möglichkeit war, ein Fitness-Studio rein zu bekommen. Das heutige Studio „Feel Good“ hieß damals noch „Fitness Point“ und die hatten Interesse. Die hatten einmal durchgerechnet und angemerkt, dass sie dann auch einen Squash-Bereich dazuhaben wollten. Das haben wir gemacht.

Wie sind Sie dabei vorgegangen, die Einkaufspassage wieder fit zu bekommen?

Bei der Passage war es in ihrem Entstehungszeitraum so, dass man in Sechseckformen gebaut hat. Weil die sich als Cluster zusammenstecken ließen, irgendwie so ein Bienenwabensystem. Das konnte man gut am Hauptgang sehen. Die ersten 30 Meter war der einsehbar, danach waren die Gänge so verwinkelt, dass man gar nicht weiter gucken konnte. Das war als Angstraum angelegt, ging überhaupt nicht. Alles war zudem schweinedunkel. Die Passage war von Anfang an auch deshalb nie voll vermietet gewesen. Das hat Knödler nie geschafft. Wir haben die Decken zuerst rausgerissen, um dafür zu sorgen, dass das Licht nach oben gehen kann und von dort reflektiert. So sah der Raum höher aus. Die so offengelegten Leitungen haben wir bunt gemacht, weil das komplette Rausreißen finanziell nicht drin war. Die Aufgabe war eben auch, das Ganze so preiswert wie möglich wieder herzurichten.

Aber in allen damaligen Berichten hieß es doch, dass 8 Millionen D-Mark in die Sanierung geflossen wären. Allerdings weichen die Berichterstattungen in den Tageszeitungen damals auch erheblich ab, was den Kaufpreis des Knödler-Baus angeht.

Bei der Versteigerung hat Wächter etwas mehr als 4,3 Millionen D-Mark bezahlt. Ich weiß jetzt nicht, wie viel da noch an Anwaltskosten und zusätzlichen Steuern und Gebühren angefallen sind. Das könnte natürlich sein. Für das, was wir gemacht haben, waren damals 1,5 Millionen D-Mark veranschlagt worden.

Das würde bedeuten, dass sich diese angegebenen 8 Millionen aus dem Kaufpreis, den Sanierungskosten und zusätzlichen Gebühren zusammensetzen.

Das könnte so hinkommen, ja.

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