Gute Erinnerungen an böse Center – ein Gastbeitrag von Daniel Fuhrhop

Stuttgart Milaneo Rückseite c Daniel FuhrhopDas Shoppingcenter „Milaneo“ in Stuttgart. Foto: Daniel Fuhrhop

Bei meinem ersten Besuch in einem Shopping-Center wurde ich ohnmächtig. Schlechte Klimaanlage, ein Klotz im Stil der 1970er Jahre, und trotzdem erinnere ich mich gern an das „Centre 2“ im französischen St. Etienne, denn beim Schüleraustausch verbrachten mein Schulfreund und ich dort viele Stunden, auch wenn wir wenig kauften. Gute Erinnerungen an das Shopping-Center der Jugend in St. Etienne oder Lüdenscheid kann man nostalgisch nennen, doch vielleicht steckt mehr dahinter.

Denn natürlich weiß jeder, dass ein Shopping-Center die kleinen Geschäfte in der Stadt kaputtmacht und darum von Grund auf böse ist. Trotz besseren Wissens dort einzukaufen widerspricht also den eigenen Überzeugungen; es entsteht die sogenannte kognitive Dissonanz. Um sie aufzulösen und vor sich selbst besser dazustehen, kann man den Besuch des Centers umdeuten: Besonders einfach lässt es sich mit etwas zeitlichem Abstand als harmlose Erinnerung an früher darstellen. Sogar den Abriss alter Häuser für das Center kann man dann als nostalgisches Foto bewundern – der ganze CCL-Blog funktioniert so.

Die Shopping-Center verführen dazu, sie als guten Ort wahrzunehmen, schon weil sie ihre Bosheit hinter einer glitzernden Fassade verstecken, aber vor allem, weil sie neben dem Ort des Kommerzes auch als Treffpunkt für Menschen dienen. Dabei ist grade dieser scheinbar menschenfreundliche Charakter besonders boshaft, denn auf diese Weise raubt das Center dem Stadtzentrum nicht nur das Geld, sondern auch die Menschen, das Gewimmel, das Leben.

Wie können wir das Böse der Shopping-Center bewusstmachen und trotzdem in Erinnerungen schwelgen? Indem wir die Center als Konsummaschinen entlarven, die an Menschen nur wegen ihrer Kaufkraft interessiert sind, und ansonsten Fassade und Überwachung bieten. Zeigen wir also Bilder hinter dem glitzernden Vordergrund, schauen wir auf die öden Rückseiten, die fensterlosen Mauern, die Anlieferungszonen und Notausgänge. Und sehen wir uns die Überwachungskameras an. So wie damals, als ich aus der Ohnmacht aufwachte und mich im Raum des Wachpersonals wiederfand, wo die Bilder der Kameras liefen.

Daniel Fuhrhop
ist Betriebswirt, Buchautor und Stadtwandel-Berater

Texte zu Shopping-Centern

http://www.daniel-fuhrhop.de/zu-shopping-centern/

Webseite

www.daniel-fuhrhop.de/buecher

Blog

www.verbietet-das-bauen.de

 

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